Gemüse-aus-dem-Garten

Gemüse aus dem Supermarkt oder aus dem Garten?

Der Verbraucher muss sich darauf einstellen, dass ihm in Zukunft immer öfter kein Gemüse aus dem Garten, sondern gentechnisch verändertes vorgesetzt wird – zumindest in Europa. Denn bis Ende des Jahres will die EU-Kommission unter Führung von Kommissionspräsident José Manuel Barroso den Anbau der neuen Generation von Gentech-Pflanzen für industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung freigeben. Mit an Bord sitzt unter anderem Landwirtschafts-Kommissar Dacian Ciolos, der die Freigabe der ersten Nutzpflanzen bereits im Februar dieses Jahres angekündigt hatte. Bisher waren alle entsprechenden Anträge auf Freisetzung von Gentech-Pflanzen unter anderem wegen massiver Proteste von Umweltorganisationen abgelehnt worden.

Das neue Verfahren soll einen beschleunigten Zugang zu denöffentlichen Genehmigungsverfahren ermöglichen und die Entscheidungsprozesse vereinfachen, wie es in der Mitteilung der Kommission vom Februar heißt. Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen sei im Vergleich mit dem bisherigen Verfahren schneller und leichter durchsetzbar. Die EU-Kommissare hoffen somit, die gentechnische Landwirtschaft schon bald aus ihrer langjährigen Lethargie zu befreien – und damit möglichst schnell möglichst hohe Einnahmen für die Agro-Industrie generieren zu können.

Die Kommission spricht von einer „Auflockerung des Status quo“, denn bisher gab es für die Freisetzung von Gentech-Pflanzen nur drei Antragsstufen und insgesamt neun Genehmigungsverfahren. Zum Vergleich: In den USA müssen sich gentechnisch veränderte Pflanzen zwei Stufen der staatlichen Zulassung, sechzehn verschiedene Genehmigungsverfahren und einem Prozess der Lebensmittelkontrolle unterziehen, bevor sie in den Handel gebracht werden dürfen.

Die EU setzt somit mit ihrem neuen Verfahren für die Freisetzung von Gentech-Pflanzen ein Zeichen gegenüber dem Rest der Welt: Das Regelwerk wird deutlich entschärft – damit können sich die europäischen Agrarlobbyisten wahrscheinlich schnell an neue Methoden und Technologien gewöhnen, um im Wettbewerb mit den USA mithalten zu können.

Gegen die Freisetzung von genmanipuliertem Gemüse gibt es in der EU heftigen Widerstand. Zwar stimmt die Mehrheit der Bevölkerung für einen Anbau in Europa, jedoch wird diese Mehrheit unter Vorbeugungsmaßnahmen gestellt. 61 Prozent der Befragten sind bereit, Produkte mit gentechnisch verändertem Saatgut zu kaufen; nur 6 Prozent wollen keine Produkte mit Gentechnik-Zutaten, 27 Prozent sind unentschieden. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Frage, ob man selbst gerne Lebensmittel herstellen oder essen würde, die gentechnisch verändert sind. 41 Prozent haben allerdings Angst vor Gefahren, 33 Prozent haben Zweifel an der Sicherheit und nur 14 Prozent sind hundertprozentig davon überzeugt, dass es keine Gefahr gibt.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen und die Umweltorganisation Greenpeace fordern deshalb einen „umfassenden Schutz für Verbraucherinnen und Verbraucher“. So solle der Einsatz von genetisch veränderten Organismen in der Produktion sowie beim Import und Handel mit Lebens- und Futtermitteln streng kontrolliert werden. Außerdem müsse es darauf hin geachtet werden, dass die Produkte tatsächlich ohne Gentechnik geliefert werden. Diese Position hat auch die Bundesregierung im Koalitionsvertrag festgeschrieben.

Nur neun Prozent der Befragten sind für einen Verkauf von Lebensmitteln, die genmanipuliert sind und nicht gekennzeichnet werden können, auf dem freien Markt. Diese Menge wäre ausreichend, um den Anbau in Europa zu ermöglichen. Nach Ansicht des Umweltverbandes BUND ist es daher richtig, dass Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) nicht an der Kennzeichnungspflicht rütteln will. Keinesfalls soll die EU die Pflicht abschaffen, solche Produkte auszusondern und einer Vermarktung zu entziehen. Das sei auch notwendig, damit Bauern in anderen Ländern ihre Lebensmittel nach Europa exportieren könnten und hier keine Konkurrenz auf dem Markt mit den genmanipulierten Produkten entstünde.

Bei der Umfrage bemängelte die Mehrheit der Befragten, dass nicht genügend Transparenz zur Risiken von Gentechnik in Lebensmitteln gegeben werde. Das könnte u.a. daran liegen, dass die Europäische Kommission keine Beschlusslage zu einem Verbot von GVO in Lebensmitteln für den europäischen Markt festgelegt hat. Dadurch ist es weiterhin möglich, dass solche Produkte im Handel vermarktet werden können. Dieses Vorgehen sieht zudem die Bundesregierung vor, obwohl sie sich seit 2005 gegen eine Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) ausgesprochen hatte und diese Position auch heute noch vertritt. Für den Bundesverband Bäuerliche Landwirtschaft (Bauer) ist es daher eine Unverschämtheit, dass die Bundesregierung auf EU-Ebene bei der Kennzeichnung von genmanipulierten Lebensmitteln kein Veto eingelegt hat. Nun sei vor allem Ministerin Aigner gefordert, die Verbraucherinnen und Verbraucher zu schützen. Stattdessen setzt sie alles daran, die Entscheidung über ein Verbot der Bekanntgabe der Produkte in der Öffentlichkeit abzuwarten, bis die EU-Kommission mit dieser Entscheidung nicht mehr so locker umgeht wie bisher.